Category: Griechenland

  • Gefangen in Pylos

    Am Ende unserer Werkstatt-Suche stand Pylos – dachten wir. Wir richteten uns daher am Hafen ein. Nach einem Tag hatten wir gefühlt alles abgehakt, was es lohnenswertes zu sehen gab: Burg, archäologisches Museum, Ausstellung der Unterwasserantiken. Wir begannen die Bewohner der Boote, die Bewohner der anderen Wohnmobile und die immer gleichen Hafenbesucher zu beobachten und zudem ein „lustiges“, neues Spiel mit dem Werkstattinhaber Andreas: „Wo ist die Antwort?“

    Das Spiel und damit die erste Runde startete mit unserer Frage „Wann würden denn die Teile ankommen?“, als Antwort bekamen wir „Weiß ich noch nicht, aber ich melde mich später mit einer Antwort“. Wir warteten einen Tag, tauchten wieder auf, stellten dieselbe Frage und bekamen eine nützlichere Antwort. So endete jede Spielrunde und wir eröffneten direkt die nächste mit einer neuen Frage.

    Dieses Spiel mit täglich neuen Fragen spielten wir eine Weile. Dann kam das Wochenende. 

    Ein langgezogener Abstecher

    Die Spielpause wollten wir für einen Abstecher in die Navarino-Bucht nutzen. Hier fand 1827 die Seeschlacht von Navarino statt – das letzte große Gefecht ausschließlich zwischen Segelschiffen. Eine vereinte britisch-französisch-russische Flotte zerstörte die osmanisch-ägyptische Flotte und ebnete damit faktisch den Weg zur griechischen Unabhängigkeit. Große Geschichte, „direkt“ vor unserer Haustür.

    Ohne fahrbaren Untersatz – denn auch Busse fuhren diesen Ort am Wochenende nicht an – wurde aus dem Abstecher eine längere Wanderung. Letztlich waren es über 30 sehr sonnige Kilometer, die wir auf der Straße, durch Flüsse, auf Baustellen, am Strand und in verwilderten Orangenhainen niedergerungen. Am Ende des Tages hatten wir viele, leicht rosige Flamingos gesehen, waren uns etliche frische Orangen vom Baum in den Rucksack gesprungen und ein paar Blasen zierten unsere von den Flüssen aufgeweichten Füße.

    Wir feiern

    Das Wochenende verging, das Spiel begann von Neuem. Um ein wenig frischen Wind in die Sache zu bringen, wurden neue Spielfiguren hinzugefügt. Wir kannten sie längst – vom Sehen, denn sie wohnten auf den Booten im Hafen und jeder von ihnen hatte bereits einen inoffiziellen Spitznamen bekommen. Irgendwann kamen wir ins Gespräch und ehe wir uns versahen, fanden wir uns Montagabend auf einem Katamaran mitten unter ihnen wieder. Es wurde gefeiert – Essen, Musik, Alkohol und gute Laune – zum Geburtstag alles Gute… 

    Ihren Einstieg in unser lustiges Spiel mit der Werkstatt begannen sie übrigens mit den Worten: „Willkommen im offenen Gefängnis Pylos – wer hier strandet, bleibt länger.“

    Eine bunte Mischung aus Deutschen, Österreichern, Ungarn, Schweizern, Franzosen und Griechen. Jeder kannte die Werkstatt, jeder kannte Andreas, jeder hatte seine eigene Geschichte mit ihm und keine hatte ein zufriedenstellendes Happy-End.

    Das Gefühl aus dem Bauch

    Wir überließen uns letztlich unserem Bauchgefühl und spielten das Spiel weiter. Eine abenteuerliche Klippen-Burg-Umrundung mit ungeplanter Meeresdusche für uns vier kühlte die Gemüter.

    Dann eine Nachricht von Andreas. Weitere Verzögerung. Ein weiteres Wochenende in Pylos festsitzen? Wir zogen die Handbremse – interessanterweise mit seiner Hilfe. Er organisierte uns für die darauffolgende Woche einen Termin in Kalamata bei einer offiziellen Fiat-Professional-Werkstatt. Ein kurzes Telefonat später war klar: Termin, Struktur, Teile – alles da, alles passte. Wir packten unsere sieben Sachen. 

    Man kann über Andreas sagen, was man will, aber wie ein schlechter Mensch kam er uns nicht vor. Wir nennen ihn einfach liebevoll und augenrollend: Chaot.

    Rauch, Fleisch und Abschied

    Gefahren sind wir allerdings nicht sofort. Es war Tsiknopempti – der „rauchige Donnerstag“. Ein traditioneller griechischer Karnevalstag vor Beginn der Fastenzeit, an dem überall Fleisch gegrillt wird.

    Der Marktplatz von Pylos verwandelte sich in eine Wolke aus Rauch, Musik und Gelächter – anscheinend hatte besonders die Jugend bei den gemeinsamen landestypischen Tänzen ihren Spaß. Wir landeten schließlich wieder bei unseren neuen Hafenbekanntschaften am Grill, aßen, lachten und tauschten Nummern aus. 

    Irgendwann wurde es Zeit. Wir verabschiedeten uns, starteten den Motor und Pylos ließ uns gehen.

    Auf nach Kalamata. Auf ein Neues.

  • Sonnenschein und Sinnflut

    Es ist Januar. Während andernorts Menschen schon beim Gedanken daran, draußen nackt herumzulaufen, spontan erfrieren – Sonne hin oder her – saßen wir in kurzer Hose am Ende der Welt an „unserem Privatstrand“, dem Kalamaki-Strand .

    Keine Menschenseele weit und breit. Wir lümmelten in unseren Stühlen, ließen uns von der Sonne wärmen und nutzten ganz dekadent die Stranddusche – fließendes Wasser direkt am Meer. Januar kann auch anders aussehen.

    So idyllisch das klingt – irgendwann wurde es fast ein bisschen… langweilig.

    Doch dann meldete sich unser hauseigener Kfz-Arzt zu Wort. Dr. Tobias Romahn hatte ein neues Geräusch im Antrieb des rollenden Zuhauses erlauscht und seine wenig erbauliche Diagnose lautete: „Das Haus hat Zahnprobleme – bitte einmal Zahnriemen wechseln“.

    Da wir jedoch nicht in der Lage waren, eine Werkstatt zu finden, die sich freitags an ihre Öffnungszeiten halten wollte – eine besonders entspannte Form mediterraner Zeitrechnung? – trudelten wir einfach mit der nächsten Unwetterwarnung nach Methoni. Auf einem betonierten Parkplatz direkt an der Küste verbrachten wir in bester Gesellschaft – sie aus der Nähe von Jena, er aus der Nähe von Nürnberg und zusammen seit vier Jahren dauerhaft im Wohnmobil lebend – das Wochenende.

    Tagsüber streiften wir durch den Ort und besichtigten die überreste der Burg, die noch aus einer Zeit stammte, als die Stadt ein wichtiger Stützpunkt auf der Pilgerreise von Venedig nach Jerusalem war. Auf dem Weg über das Meer hin zum markante Bourtzi-Turm, der auf einer kleinen vorgelagerten Insel im Meer liegt und bei ruhiger See fast romantisch, bei Sturm ziemlich dramatisch ist, blieben wir begeistert stehen und ließen uns das Salzwasser um die Ohren fliegen.

    Eine Nacht später zeigte sich, was das Meer uns noch so alles um die Ohren fliegen lassen kann: viel Treibgut und Müll – quer über Strand, Straßen und Parkplatz. Nachdem am Morgen die ersten erstaunten Einwohnern ihre Fotos und Videos gemacht hatten, verschwand fast alles wieder so schnell, wie es angespült worden war. Innerhalb kürzester Zeit wurde geräumt und gefegt, und nur die aufgeschichteten Haufen am Rand und die deutschen Flüchtlinge, die am Strand Müll einsammelten, erinnerten noch an das vorherige Chaos.

    Sonnenschein und Sinnflut liegen hier manchmal nur einen Tag auseinander. Und wir leben natürlich mittendrin.

  • Schatz, meine Hosen stehen von alleine

    Als wir eines Morgens die Schränke öffneten, um die mittlerweile selbstständig stehenden Hosen gegen frische Exemplare auszutauschen, wurde uns klar: Die Unterwäsche zählte ihre letzten Tage. Wir mussten uns Richtung Kalamata bewegen – Mission: gleichzeitig alle Waschmaschinen und anschließend sämtliche Trockner in Beschlag nehmen. Effizienz ist schließlich alles.

    Doch wer wären wir, würden wir schnurstracks dorthin fahren. Noch waren die sauberen Höschen nicht vollständig aufgebraucht und mit ein bisschen Handwäsche hier und ein bisschen Optimismus da, konnten wir uns noch einen kleinen Abstecher hier und einen größeren dort erlauben.


    Velanidia & Kap Malea

    Zuerst zog es uns nach Velanidia. Von dort wanderten wir zum Leuchtturm des Kap Maleas – eine schöne Strecke ohne größere Schwierigkeiten und mit viel Leinenfreiheit für Mensch und Tier.

    Die Tropfsteinhöhle Kastania (oft auch Kastellan genannt), eine der bedeutendsten Höhlen Griechenlands mit eindrucksvollen Stalaktiten- und Stalagmitenformationen, mussten wir schweren Herzens auslassen. Wir waren am Anfang der Woche und die Höhle war aktuell nur an den Wochenenden zugänglich – unser Kleiderschrank jedoch hatte bekanntlich ein Mitspracherecht bekommen und das war nicht verhandelbar.


    Monemvasia – Gibraltar des Ostens

    Auf Empfehlung einer deutschen Bekanntschaft steuerten wir anschließend Monemvasia an. Die spektakuläre Felsenstadt liegt auf einem massiven Kalksteinfelsen, der nur über einen schmalen Damm mit dem Festland verbunden ist – daher auch der Name: Monemvasia bedeutet so viel wie „einziger Zugang“.

    Der Felsen wurde vermutlich bereits im 6. Jahrhundert n. Chr. besiedelt, als sich Menschen vor slawischen und später arabischen Überfällen in Sicherheit bringen wollten. Über die Jahrhunderte wechselte der Ort zwischen byzantinischer, venezianischer und osmanischer Herrschaft, christlichem und muslimischem Glauben.

    Heute schlendert man durch die restaurierte Unterstadt mit ihren engen Gassen, Tavernen und kleinen Läden, während die Oberstadt – die Zitadelle auf dem Plateau – seit den 1920er-Jahren unbewohnt ist. Von dort oben blickt man über das Meer und versteht sofort, warum dieser Felsen über rund 1.500 Jahre strategisch so begehrt war.

    Unsere abendliche Geschichtslektüre. Manche Orte liefern einfach ihren eigenen Lesestoff.


    Schiffswrack Dimitrios

    Ein letzter kurzer Zwischenstopp führte uns zum Schiffswrack Dimitrios am Strand von Valtaki bei Gythio. Das Frachtschiff strandete dort nachdem es sich bei einem Sturm im Dezember 1981 von seiner Verankerung losgesagt hatte. Seit über 40 Jahren rostet der Stahlkoloss nun im Sand vor sich hin und ist zu einem der bekanntesten Fotomotive der Region geworden.

    Der Strand selbst war leider ziemlich zugemüllt – also blieb es bei einem kurzen Besuch.


    Kalamata & der Tag der Abrechnung

    Und dann, endlich: Kalamata.

    Waschsalon. Münzen klimpern. Maschinen brummen. Wir sortieren, stopfen, starten, sortieren, stopfen, starten, sortieren, falten, räumen.

    Während sich unsere komplette Garderobe einmal im Kreis drehte und unser Wohnmobil die halbe Straße blockierte, saßen wir zufrieden daneben. Frische Wäsche ist vielleicht nicht spektakulär, aber für uns fühlt es sich immer wieder wie ein kleiner Luxus an – genau wie lange, heiße Duschen.

  • Spaß und Bildung halten Händchen

    Weiter ging es noch ein Stück südlicher – in die Gegend von Agia Marina, hinaus Richtung Kap Maleas. Nicht zum Klettern, was hier natürlich auch möglich gewesen wäre, sondern zum Staunen und Wandern und… noch mehr Staunen. 

    Denn hier liegt eine Landschaft, die sich anfühlt wie ein Freilichtmuseum der Erdgeschichte: versteinerte Stämme eines einstigen Palmenwaldes, dazu überall im Gestein eingebettete Meeresbewohner. Und nein, wir reden nicht von einem kleinen Infotäfelchen mit „Hier stand mal ein Baum“.

    In Griechenland gibt es mehrere fossile Wälder und oft sind solche Wälder durch vulkanische Asche konserviert worden. Dort dringen silikatreiche Lösungen (also vor allem Kieselsäure) in das Holz ein und ersetzen nach und nach das organische Material – Pyritisierung.

    Am Kap Maleas lief es etwas anders. Hier geht man davon aus, dass der damalige subtropische Wald vor etwa 2-3 Millionen Jahren (also im späten Pliozän) durch Überflutungen rasch von Sedimenten bedeckt wurde. Sauerstoffarme Bedingungen verhinderten die vollständige Zersetzung und mineralreiches Wasser begann sein Werk.

    Permineralisation: Mineralhaltiges Wasser sickert durch das tote Holz, die gelösten Mineralien – hier vor allem Kalziumkarbonat – lagern sich in den Zellhohlräumen ab und kristallisieren dort aus. Die Zellstruktur bleibt dabei erstaunlich gut erhalten, nur das organische Material wird nach und nach durch Mineral ersetzt. Das Ergebnis: Stein gewordene Palmen, inklusive erkennbarer Strukturen. Erdgeschichte zum Anfassen.

    Jetzt wissen wir endlich, was „Pyri-was“ und „Permi-wer“ sind.

    Rund um die Stämme findet man zudem versteinerte Meerestiere: Seeigel, Muscheln, Schnecken und andere Mollusken. Ein Hinweis darauf, dass diese Region mehrfach vom Meer überdeckt war. Man kann kaum einen Schritt machen, ohne irgendwo auf ein tellergroßes Fossil zu zeigen. Es ist ein bisschen wie Ostereiersuche – nur in Millionen Jahre alt.

    Schlecht für den damaligen Palmenwald also. Großartig für neugierige Besucher mit Wanderschuhen.

    Und so streifen wir nun täglich zwischen steinernen Palmen und fossilen Meeresbewohnern umher, lernen ganz nebenbei mehr über Geologie als wir je geplant hatten, besuchten schließlich noch die alte Kapelle Agios Georgios – und stellen wieder einmal fest: Staunen funktioniert auch ohne Klettergurt ziemlich gut.

  • Was nun?

    Tobis Hand hatte genug vom Klettern, Käthe wollte endlich ins Wildwasser, die Hunde sehnten sich nach neuen Schluchten zum Herumstromern – und da wir ohnehin schon aus dem Klettergebiet herausgefahren waren, konnten wir auch direkt weiterziehen und nach neuen Abenteuern Ausschau halten.

    Auf halber Strecke zu einem solchen (unser Ziel war eigentlich die Lousios-Schlucht) fiel uns ein, dass wir bzw. das Wohnmobil nicht auf Schnee eingestellt waren. Unpraktisch, denn irgendein Fuchs hatte sich einfallen lassen, dass es in höheren Lagen die darauffolgenden Tage schneien sollte. Wir entschieden uns daher doch wieder für die Küste, für die nur Stürme und Platzregen gemeldet waren. 

    Über mehrere Tage verteilt fuhren wir mit Abstechern nach links und rechts ins Grüne über Kalamata, nach Sparta und schließlich weiter nach Pounta, von wo aus mehrmals täglich eine Fähre die kleine Insel Elafonisos anfuhr. Da auch wir kleine Füchse sind (so schlau und manchmal auch so stinkend), hielten wir die Reisekasse kreativ zusammen: Archäologische Stätte wanderten wir direkt am Zaun ab, bis dieses störende Ding plötzlich verschwand, Städte besichtigten wir vorzugsweise an Tagen, an denen Museen und Ausstellungen geschlossen hatten und ans Wäschewaschen dachten wir erst, als weit und breit kein Waschsalon mehr zu finden war. Immerhin: Uns selbst, die Hunde und das Wohnmobil haben wir rechtzeitig mit Nahrung versorgt bekommen.

    Auf dem Weg nach Kalamata wartete im Übrigen doch noch eine kleine Pass-Überraschung auf uns. Bergauf: kein Schnee, keine Probleme. Oben angekommen, lag da dieses komische weiße Zeug herum. Bergab: weißer Matsch… keine Probleme – beim Bremsen rutschte es ein bisschen, aber auch mit 20 km/h kommt man irgendwann unter an.

    Nun stehen wir wieder einmal direkt am Meer. Am Hamokelo-Strand in Pounta wird spaziert, getobt und gesammelt: bunte Gehäuse (von Muscheln), bunte Skelette (von Seeigeln) und bunter Müll (von Menschen). Wir nahmen alles – und gaben nichts… na gut, den Mülltonnen überließen wir säckeweise neue Spenden.

  • Die Jagd nach dem Paket

    Am 6. Januar verabschiedeten wir uns von alten und neuen Freunden – sie mussten zurück in den Alltag. Wir blieben noch, genossen Sonnenschein beim Klettern und Regengüsse während der Arbeit. Ob wir weiterhin mit anderen kletterbegeisterten Van-Lifern den großen Strandparkplatz und die umliegenden Felsen bevölkern wollten oder nicht, stand allerdings gar nicht zur Debatte. Denn da war noch dieses Paket …

    Schon lange vor Weihnachten hatten wir in Deutschland unsere letzte „Bestellung“ aufgegeben und unsere armen Eltern mit dem Versand beauftragt. Anders als in Italien brauchten wir angeblich keine genaue Adresse – Name, Ort und eine Telefonnummer (am besten eine griechische) würden völlig ausreichen. So zumindest die Theorie.

    Also gaben wir alles gewissenhaft bei der Erstellung des DHL-Labels an und begannen das Warten.

    30. Dezember – Ankunft in Griechenland, angeblich in Athen. Wir warteten.

    Mail an den Kundenservice, Telefonnummer vorsichtshalber erneut hinterlegt – das Paket sei in Tripoli bei einem Drittanbieter, nicht in Athen. Wir warteten.

    Anruf beim Drittanbieter – man habe kein DHL-Paket für Leonidio. Wir waren verwirrt.

    Besuch beider Postfilialen in Leonidio – Sendungsnummer unbekannt. Wir waren verwirrt.

    Anruf bei DHL Griechenland – eine Telefonnummer würde fehlen. Ähm?! Noch einmal angegeben.

    Wieder angerufen – eine Telefonnummer würde fehlen. Ähm?! Noch einmal angegeben.

    Ob wir das Paket in Tripoli selbst abholen könnten? Klar, aber wir sollten uns beeilen, es liege dort ja schon eine ganze Weile. Wir waren genervt.

    Noch ein Anruf beim Drittanbieter – ach so, ja, das Paket liege dort tatsächlich schon länger. Ohne Telefonnummer oder E-Mail-Adresse. Ähm?! Wir waren genervt.

    Tschüss Leonidio, wir müssen dann mal weg…

    90 Minuten nach unserem letzten Telefonat mit dem Drittanbieter, bei dem das Paket spontan entschieden hatte, aufzutauchen, erreichten wir seine Adresse in Tripoli. Kaum rollten wir durch das offene Tor auf das umzäunte Grundstück, sprangen drei wütend bellende Hunde am Wohnmobil hoch, Krallen kratzten über den Lack. Rückzug. Schnell rollte das Wohnmobil vom Hof und wir parkten ein paar Meter weiter entfernt.

    Was schützt besser vor Wachhunden als ein Auto? Genau – kein Auto! Also sperrt die Frau des Hauses ihre Familie im Fahrzeug weg, marschiert auf den Hof, erklärt den Hunden, sie mögen doch mal eben chillen, öffnet die Tür und fragt ganz kleinlaut, ob man ihr vielleicht das Paket geben könnte.

    Kopf einziehen, Tür behutsam schließen, die Hunde schief angrinsen, vom Hof stolzieren und der Familie stolz die Jagdbeute präsentieren – der Jäger von heute.

    Ein Blick auf das Label fasste die ganze Erfolgsstory perfekt zusammen: drei gescheiterte Zustellversuche am 31. Dezember, 3. und 12. Januar – wegen fehlender Telefonnummer und E-Mail-Adress. Direkt daneben: unsere mehrfach angegebene Telefonnummer. Aha.

    Wir beschwichtigten unsere Gemüter und belohnten uns schließlich mit der im Paket enthaltenen Weihnachtsschokolade.

  • Immer wieder dasselbe – fast

    Mit dem Beginn unserer zweiwöchigen Urlaubszeit zogen wir weiter nach Leonidio. Dort stieß auch der letzte geplante „fremde Freund“ zu unserer Reisegruppe und komplettierte die Runde – ein besessener Doktorant… natürlich von Outdoor-Abenteuern.

    Für Außenstehende dürfte es so aussehen, als hätten wir tagelang immer wieder dasselbe getan – selbst an Weihnachten, Silvester, Neujahr und zum Geburtstag eines Freundes: Climb, Eat, Repeat. Doch die vielen lustigen, verrückten, euphorischen und glücklichen Momente haben uns in den Köpfen jeden Tag als einen einzigartigen Tag hinterlassen.

    Würden wir hier alles aufzählen, würde dieser Beitrag vermutlich kein Ende finden. Daher nur eine kleine Auswahl:

    • Der montägliche Markt mit seinem kleinen, bunten Treiben, auf dem uns zum ersten Mal bewusst wurde, welche lange Tradition das Treffen in Leonidio für viele Kletterer bereits hat.
    • Die gemeinsam mit unseren Freunden zubereiteten Festmahle: zu Weihnachten beliebig gefüllte Pitas samt Dessert und zum Geburtstag Spaghetti mit verschiedenen Bolognese-Variationen und Käsekuchen-Spezial.
    • Das Theophaniefest in Plakka, dem Hafen von Leonidio: Ein Priester wirft zur Wasserweihe ein Kreuz ins Meer, junge Männer tauchen danach – und wer es findet, soll ein Jahr voller Glück vor sich haben.
    • Unsere diesjährigen „Weihnachtsbäume“ – geschmückt mit unzähligen Zitronen und Orangen, die wir eimerweise auch noch geschenkt bekamen.
    • Die besondere Ruhe, wenn man abends als Letzte am Fels zurückbleibt und aus seinem Zuhause die Lichter der Stadt aufleuchten sieht.
    • Die Überraschung, wenn sich das Rascheln im Gebüsch als riesige Schildkröte entpuppt.

    Und noch so vieles mehr…

    Leider waren wir mit der glorreichen Idee, das Jahr in Leonidio beim Klettern ausklingen zu lassen, nicht alleine gesegnet worden. Aus allen Ecken Europas reisten kletterwütige Menschen an – mit dem Fliegen, mit dem Auto, mit den (selbst ausgebauten) Campern.

    Anfangs verteilte sich alles gut auf die unzähligen Felsen der Region, doch je näher Silvester rückte, desto voller wurde es überall – bis wir mental in den Modus „Ich mag nicht mehr klettern – ich mag keine Menschen“ wechselten. 

    Sie waren einfach überall. Zu jeder Tageszeit. An jedem Felsen – sonnig oder schattig, nah oder fern, leicht oder schwer. Jede Sprache, jede Lautstärke, jede Menge Chalkstaub in der Luft.

    Wir waren schon am Verzweifeln, als uns einfiel: Wir leben im Camper. Wir müssen nicht bald wieder abreißen. Wir müssen nicht zwanghaft jede Minute am Fels verbringen. Wir haben Zeit.

    Durchatmen und abdrehen. Einen Gang runterschalten. Wir gönnten uns mehr Regenerationszeit und unseren Vierbeinern mehr Zeit und Raum zum Erkunden der Umgebung. Und weil Wandern am entspanntesten ist, wenn die Hunde ohne Leine laufen können, und weil man Hunde am entspanntesten ohne Leine laufen lassen kann, wenn sie nicht weglaufen können, landeten wir schließlich bei Schluchtenwanderungen. 

    Keine echten Schluchten wie damals in Albanien, aber die ausgetrockneten Flussbetten, die sich zwischen den Hügeln hindurchzogen, waren mehr als genug. Auf ähnlichen und doch ganz unterschiedlichen Touren sprangen Happy und Cima über Stock und Stein, Baum und Brocken, tobten sich nach Herzenslust aus – und befreiten uns ganz nebenbei aus den Fängen des Kletterwahns.

    Was würden wir nur ohne unsere Helden tun.

  • Start von Climb, Eat, Repeat

    Nachdem wir am 8. Dezember in Igoumenitsa angelegt hatten, ging es in wenigen, aber entspannten Etappen Richtung Süden – nach Kyparissi an die Ostküste der griechischen Halbinsel Peloponnes. Noch zog die  Urlaubszeit nicht richtig in unser Haus ein, doch dank zahlreicher Überstunden verabschiedeten sich die meisten Arbeitsstunden und die Kletterstunden wurden reichlich aufgestockt. 

    So kam es, dass wir Anfang Dezember freudestrahlend im T-Shirt unter strahlend blauem Himmel am Fels standen – natürlich im Schatten, man will ja schließlich etwas für den Hautschutz tun – während sich Freunde und Familie in Deutschland bereits diverse Gliedmaßen abfroren.

    Apropos Freunde: Ihretwegen waren wir überhaupt so zügig nach Kyparissi geeilt – die Kletterverstärkung trudelte bereits wenige Tage nach unserer Ankunft ein. Zwar war uns kaum einer davon bekannt, aber wie heißt es so schön: Fremde sind nur Freunde, die wir noch nicht kennengelernt haben.

    Unsere Reisegesellschaft würde nun für eine Weile aus zwei Campern und einem Mietwagen bestehen – besetzt mit einer verrückten, bunten Mischung aus einem arabischen Stuttgarter, einem Karl-Marx-Städter, der sich als schwedischer Irländer ausgibt, einem Rotpunkt1-infizierten Serben, (s)einer angehenden Ärztin, die die Idee vom Klettern deutlich schöner findet als deren Umsetzung und natürlich uns, der bewährten Mischung aus lieblichstem Chaos.

    Bestes Wetter, bester Fels, beste Absicherung – doch zwischen den Stunden, in denen wir Zweibeiner zwischen Klettern, Essen und Schlafen schwelgten, blieb immer noch genug Zeit, um mit unseren vierbeinigen Nicht-Kletterern durch die Umgebung zu streifen. Entlang der Küste schlängelte sich ein schmaler Weg bis zu einer kleinen weiß-blauen Kirche. Begrenzt durch das Meer und undurchdringlichem Grün ergab sich für uns eine perfekte Gelegenheit ohne Leine durch die Welt zu toben.

    Hier, weit weg von der lästigen Geschichte der Wohnmobil-Entführung, muss irgendwo irgendjemand irgendwann einen Neustart-Knopf in unseren Köpfen gefunden und gedrückt haben. Wir können wieder frei atmen, sorgenlos hinter Ecken verschwinden und zwar gemeinsam – und so freut sich auch das Wohnmobil über seine neu gewonnene, alte Freiheit, steht stundenlang alleine an abgelegenen Orten und genießt das tägliche Sonnenbad.

    1. Wer beim Durchstiegsversuch fällt, muss wieder von vorne anfangen. ↩︎