Gefangen in Pylos

Am Ende unserer Werkstatt-Suche stand Pylos – dachten wir. Wir richteten uns daher am Hafen ein. Nach einem Tag hatten wir gefühlt alles abgehakt, was es lohnenswertes zu sehen gab: Burg, archäologisches Museum, Ausstellung der Unterwasserantiken. Wir begannen die Bewohner der Boote, die Bewohner der anderen Wohnmobile und die immer gleichen Hafenbesucher zu beobachten und zudem ein „lustiges“, neues Spiel mit dem Werkstattinhaber Andreas: „Wo ist die Antwort?“

Das Spiel und damit die erste Runde startete mit unserer Frage „Wann würden denn die Teile ankommen?“, als Antwort bekamen wir „Weiß ich noch nicht, aber ich melde mich später mit einer Antwort“. Wir warteten einen Tag, tauchten wieder auf, stellten dieselbe Frage und bekamen eine nützlichere Antwort. So endete jede Spielrunde und wir eröffneten direkt die nächste mit einer neuen Frage.

Dieses Spiel mit täglich neuen Fragen spielten wir eine Weile. Dann kam das Wochenende. 

Ein langgezogener Abstecher

Die Spielpause wollten wir für einen Abstecher in die Navarino-Bucht nutzen. Hier fand 1827 die Seeschlacht von Navarino statt – das letzte große Gefecht ausschließlich zwischen Segelschiffen. Eine vereinte britisch-französisch-russische Flotte zerstörte die osmanisch-ägyptische Flotte und ebnete damit faktisch den Weg zur griechischen Unabhängigkeit. Große Geschichte, „direkt“ vor unserer Haustür.

Ohne fahrbaren Untersatz – denn auch Busse fuhren diesen Ort am Wochenende nicht an – wurde aus dem Abstecher eine längere Wanderung. Letztlich waren es über 30 sehr sonnige Kilometer, die wir auf der Straße, durch Flüsse, auf Baustellen, am Strand und in verwilderten Orangenhainen niedergerungen. Am Ende des Tages hatten wir viele, leicht rosige Flamingos gesehen, waren uns etliche frische Orangen vom Baum in den Rucksack gesprungen und ein paar Blasen zierten unsere von den Flüssen aufgeweichten Füße.

Wir feiern

Das Wochenende verging, das Spiel begann von Neuem. Um ein wenig frischen Wind in die Sache zu bringen, wurden neue Spielfiguren hinzugefügt. Wir kannten sie längst – vom Sehen, denn sie wohnten auf den Booten im Hafen und jeder von ihnen hatte bereits einen inoffiziellen Spitznamen bekommen. Irgendwann kamen wir ins Gespräch und ehe wir uns versahen, fanden wir uns Montagabend auf einem Katamaran mitten unter ihnen wieder. Es wurde gefeiert – Essen, Musik, Alkohol und gute Laune – zum Geburtstag alles Gute… 

Ihren Einstieg in unser lustiges Spiel mit der Werkstatt begannen sie übrigens mit den Worten: „Willkommen im offenen Gefängnis Pylos – wer hier strandet, bleibt länger.“

Eine bunte Mischung aus Deutschen, Österreichern, Ungarn, Schweizern, Franzosen und Griechen. Jeder kannte die Werkstatt, jeder kannte Andreas, jeder hatte seine eigene Geschichte mit ihm und keine hatte ein zufriedenstellendes Happy-End.

Das Gefühl aus dem Bauch

Wir überließen uns letztlich unserem Bauchgefühl und spielten das Spiel weiter. Eine abenteuerliche Klippen-Burg-Umrundung mit ungeplanter Meeresdusche für uns vier kühlte die Gemüter.

Dann eine Nachricht von Andreas. Weitere Verzögerung. Ein weiteres Wochenende in Pylos festsitzen? Wir zogen die Handbremse – interessanterweise mit seiner Hilfe. Er organisierte uns für die darauffolgende Woche einen Termin in Kalamata bei einer offiziellen Fiat-Professional-Werkstatt. Ein kurzes Telefonat später war klar: Termin, Struktur, Teile – alles da, alles passte. Wir packten unsere sieben Sachen. 

Man kann über Andreas sagen, was man will, aber wie ein schlechter Mensch kam er uns nicht vor. Wir nennen ihn einfach liebevoll und augenrollend: Chaot.

Rauch, Fleisch und Abschied

Gefahren sind wir allerdings nicht sofort. Es war Tsiknopempti – der „rauchige Donnerstag“. Ein traditioneller griechischer Karnevalstag vor Beginn der Fastenzeit, an dem überall Fleisch gegrillt wird.

Der Marktplatz von Pylos verwandelte sich in eine Wolke aus Rauch, Musik und Gelächter – anscheinend hatte besonders die Jugend bei den gemeinsamen landestypischen Tänzen ihren Spaß. Wir landeten schließlich wieder bei unseren neuen Hafenbekanntschaften am Grill, aßen, lachten und tauschten Nummern aus. 

Irgendwann wurde es Zeit. Wir verabschiedeten uns, starteten den Motor und Pylos ließ uns gehen.

Auf nach Kalamata. Auf ein Neues.

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