Wie so oft in den letzten Wochen begann eine unserer Geschichten im Regen. Irgendwo in Kalamata, unter einem viel zu schmalen Werkstattvordach, während wir versuchten, uns und zwei Hunde irgendwie trocken zu halten. Drinnen wurde operiert, draußen wurde gewartet – unser Wohnmobil bekam einen neuen Zahnriemen, wir bekamen kalte Füße und nach etwas mehr als vier Stunden schließlich die erlösende Nachricht: fertig.

Mit einem vermeintlich geheilten Gefährt und vorsichtigem Optimismus machten wir uns auf den Weg. Ziel: Leonideo. Schon wieder. Aber wie so oft wählten wir nicht den direkten Weg. Wir hatten einiges nachzuholen und wollten uns noch „kurz“ etwas anschauen.
Also fuhren wir erst einmal in die völlig falsche Richtung.
Meer, Müll und ein bisschen Karneval
Der Elea Beach war so ein Ort, von dem alle erzählen. Also wollten wir ihn auch sehen.
Was wir fanden, war… sagen wir: durchwachsen. Viele Camper, viel Improvisation und Strände, die die Stürme der letzten Wochen ziemlich mitgenommen hatten. Überall Müll. Nicht gerade Postkartenidylle. Dennoch: wir blieben.
Wir wechselten den Sport – statt Klettern nun Plogging. Wer es nicht kennt: bewaffnet mit Säcken sammelt man beim Joggen Müll. Ehrlicherweise muss man sagen, dass wir nicht viel zum Joggen kamen, denn Müll fand sich bei jedem Schritt. Es wurde eher ein stundenlanges Sammeln. Am Ende standen viele gefüllte Säcke da – und ein Strand, der zumindest ein kleines bisschen besser aussah als zuvor.
Weiter ging es Richtung Olympos. Statt Eintritt zu zahlen, umrundeten wir die Anlage einfach – immer schön am Zaun entlang – und fanden unsere eigenen Aussichtspunkte. Von oben wirkte alles gleich viel beeindruckender und vor allem angenehm menschenleer.
Um die Zeit bis zum Karneval zu überbrücken (den wollten wir unbedingt mitnehmen) erkundeten wir die Umgebung. Doch bis auf eine kleine Schluchtenwanderung kamen wir nicht allzu weit. Die Unwetter hatten ganze Arbeit geleistet: unterspülte Straßen, abgerutschte Hänge, unpassierbare Schluchten und Flüsse, die man besser nicht unterschätzte. Also ging es zurück an unseren Platz am Elona Beach.
Abends ließen wir uns dann in Zaharo vom Karnevalstrubel mitreißen. Laute Musik, bunte Kostüme, ausgelassene Stimmung und mittendrin wir, irgendwo zwischen Beobachter und Teil des Ganzen.










Zurück nach Leonideo und zurück zu Ahmad
Irgendwann zog es uns dann doch wieder zurück nach Leonideo.
Und zurück zu Ahmad.
Mit ihm fühlte sich alles sofort wieder vertraut an: Klettern im Zwei-Tage-Rhythmus, Fahrten zu neuen und alten Felsen, spontane Abstecher zu Tavernen und Cafés. An Ruhetagen wurde gekocht – entweder mit ihm oder von ihm – oder wir trafen uns bei uns in Plaka zum ausgedehnten Brunch.
Dort saßen wir dann mit frischem Gebäck und Kaffee und beobachteten das bunte Treiben um uns herum. Die Kletter-Community in Plaka ist ein eigenes kleines Universum – irgendwo zwischen Festival, Dorfleben und Seifenoper. Geschichten inklusive.

















Ein Geräusch, das bleibt
Nur eine Sache ließ uns nicht los: dieses Geräusch.
Ein leises, aber hartnäckiges Rasseln aus dem Motorraum, das sich besonders dann meldete, wenn es bergauf oder bergab ging. Also zurück nach Kalamata. Die Werkstatt hörte nichts. Oder wollte nichts hören.
Zurück nach Leonideo.
Zur Werkstatt vor Ort. Wieder nichts oder zumindest nichts Besorgniserregendes.
„Damit könnt ihr problemlos bis Amerika fahren.“
Eine Aussage, die gleichermaßen beruhigend wie irritierend war und vermutlich auf übertriebenen Optimismus oder fragwürdige Geografiekenntnisse zurückzuführen ist. Man weiß es nicht.
Wir entschieden uns für eine realistischere Variante: möglichst wenig fahren.
Das Wohnmobil wurde zum festen Zuhause, der Parkplatz in Plaka zu unserer Basis und Ahmad zu unserem persönlichen Shuttle-Service. Mobilität mal anders.
Von Taxis, Fahrrädern und kleinen Abenteuern
Als Ahmad schließlich abreiste, änderte sich unser Alltag schlagartig.
Aus Taxifahrten wurden Fahrradtouren, aus „mal eben zum Fels“ wurde plötzlich eine kleine Trainingseinheit. Die bekannten Felsen wurden… noch bekannter.
Dennoch gab es Highlights: Der Frühling zog ganz offensichtlich ein und alles um uns herum begann zu erblühen, auf kleinen Wanderungen in die Umgebung fanden wir neue, idyllische Plätze und als i-Tüpfelchen durften wir gemeinsam mit ein paar Freunden der Erschließer einen neu erschlossener Sektor antesten. Frischer Fels, neue Linien, völlige Ruhe – dieses besondere Gefühl, etwas als Erste zu erleben… unvergleichlich.

















Dazwischen schickte Tobi seine Holdste zu einem kleinen Highline-Kurs. Ein schmales Band, ein paar unsichere Sitz- und Aufstehversuche und die Erkenntnis, dass Gleichgewicht viele Dimensionen hat. Man fühlte sich dabei ein bisschen wie ein tapsiger Wal auf Landgang.



Parallel dazu beschlossen unsere Hunde, dass jetzt ein hervorragender Zeitpunkt wäre, läufig zu werden. Was in einer Umgebung voller freilaufender Hunde ungefähr so entspannt ist wie ein Picknick mitten auf einer Autobahn.
Die Schweizer und das Bauchgefühl
Direkt gegenüber von uns stand die ganze Zeit dieses große Schweizer Fertighaus auf vier Rädern. Unauffällig, aufgeräumt, irgendwie fast zu geschniegelt für das bunte, leicht anarchische Leben auf dem Platz. Während um uns herum Vans in allen Ausbaustufen, freilaufende Hunde und Katzen, und kreative Lebensentwürfe um Aufmerksamkeit wetteiferten, wirkten sie wie die stillen Statisten in unserer täglichen „Plaka-Soap“.
Bis Tobi eines Tages „kurz“ Wäsche waschen fuhr und, wie das bei „kurz“ bei ihm so ist, erst Stunden später zurückkam. Mit Wäsche und mit Geschichten.
Björn und Esthi.
Zu mehr als ein paar Gespräche war es zu noch nicht gekommen – einfach eine sympathische Bekanntschaft – als die beiden Schweizer sich entschlossen, ersteinmal weiterzuziehen. Für etwa eine Woche Kyparissi.
Und wir?
Wir standen mal wieder vor der Frage: Weiterfahren oder bleiben? Der Motor klang weiterhin wie ein schlecht gelaunter Schlagzeuger, Deutschland rückte gedanklich näher, aber eine Entscheidung wollte sich einfach nicht einstellen.
Also griffen wir zu unserer inzwischen bewährten Reise-Strategie: Wir hörten auf unser Bauchgefühl bzw. auf das einer rothaarigen Person… Und das sagte ganz klar: Wartet noch.
Das Warum war hingegen gar nicht so klar. Vielleicht, weil wir insgeheim hofften, dass der Motor sich über Nacht von selbst reparierte. Vielleicht, weil wir einfach keine Lust hatten zu entscheiden. Oder vielleicht tatsächlich wegen dieser zwei fast noch fremden Schweizer vom Parkplatz.
Also blieben wir.
Es regnete.
Die Tage wurden ruhiger.
Und, wenn man ehrlich ist, auch langweiliger.


Bis sie irgendwann wieder auftauchten.
Einfach so. Als wäre nichts gewesen.
Und ab da nahm unsere gemeinsame Geschichte Fahrt auf.
Aus einem „Na, wieder da?“ wurde ein erstes gemeinsames Klettern. Aus „Wir sehen uns später vielleicht nochmal“ wurde ein ziemlich sicheres Wiedersehen am nächsten Tag. Und aus einem kurzen Kaffee wurde plötzlich ein Abend im Wohnmobil, der sich ganz nebenbei in die Länge zog, weil es einfach keinen guten Zeitpunkt gab, aufzustehen.
Mit Björn und Esthi wurde aus einer zufälligen Bekanntschaft genau das, was man sich auf so einer Reise insgeheim wünscht: echte Freundschaft. Eine von der Sorte, bei der man schon nach kurzer Zeit weiß, dass man sich wiedersehen wird. Irgendwo. Irgendwann. Und dass es sich dann genauso anfühlen wird.
Gemeinsame Klettertage wurden zur Regel, nicht zur Ausnahme. Abends ging man „nur kurz“ auf einen Kaffee vorbei, erzählte, lachte, sprangen von Geschichte zu Geschichte – ganz selbstverständlich, ganz ohne Zwang – und wunderte sich irgendwann, warum es draußen plötzlich dunkel und die Tasse längst wieder leer war.
Ein besonderes Highlight war unsere gemeinsame Kletter-Fotosession von oben. Endlich keine klassischen „Hinternperspektiven“, sondern Bilder, die wirklich die Freunden und Leiden eines Kletterers zeigten (und nebenbei auch, wie aufmerksam und geduldig Hunde am Wandfuß warten können).













Als dann auch noch Paps Charly und Ursi dazukamen, wurde die Runde einfach größer und irgendwie noch gemütlicher. Wir wurden ganz selbstverständlich mit aufgenommen, saßen zusammen, hörten zu, erzählten mit. Dank ihrer Fremdsprachenkenntnisse im Hochdeutsch konnten wir allem folgen – beim Schwiizerdütsch hingegen hängten sie uns häufig direkt ab.
Bei dieser Geschichte waren wir uns beide einig: Gut, dass wir geblieben waren.
Ganz klar: Dieses Bauchgefühl – das kann was.
Warten auf den richtigen Moment
Währenddessen blieb das Motorgeräusch.
Und mit ihm die Unsicherheit.
Wir gingen regelmäßig in die Werkstatt, ließen testen, prüfen, diagnostizieren – und bekamen doch immer wieder dieselbe Antwort. Irgendwann trafen wir eine Entscheidung: Wir würden fahren! Später…
Denn vorher kam noch Ostern.
Und dieses orthodoxe Osterfest war etwas ganz Besonderes.
Kurz vor Mitternacht füllte sich der Himmel mit unzähligen selbstgebauten Himmelslaternen, die gleichzeitig aufstiegen. Kleine Feuerpunkte, die langsam nach oben schwebten, bis sie sich in der Dunkelheit verloren. Ein ruhiger, beeindruckender Moment, der sich kaum in Worte fassen lässt – und keine Zeit für Fotos ließ.





Abschied mit vielen Geschichten im Gepäck
Irgendwann war er dann da, der Moment.
Wir fuhren nach Patras, ergatterten einen der letzten Plätze auf der Fähre und fanden uns wenig später auf einem Schiff wieder – 32 Stunden Richtung Venedig.
Zeit genug, um zurückzublicken.
Auf Wochen, die anders verliefen als geplant.
Auf Orte, die uns überrascht haben.
Und auf Menschen, die wir ohne diesen Umweg nie getroffen hätten.
Wir haben nicht alles gesehen, was wir sehen wollten.
Aber wir haben vieles erlebt, was wir uns so nie ausgedacht hätten.
Und während Griechenland langsam hinter uns verschwindet, bleibt dieses Gefühl, dass genau das den Reiz dieser Reise ausmacht: nicht der Plan, sondern alles, was dazwischen passiert.
Jetzt wartet das nächste Kapitel.
Und vielleicht – hoffentlich – ein Motor, der irgendwann wieder einfach nur klingt wie ein Motor.





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