In der Nähe von Kalamata fanden wir einen Platz am Strand. Wir standen auf der vom Meer abgewandten Straßenseite und trotz angespülter Wurzeln, Äste und viel Bambus – deutliche Spuren der letzten stürmischen Wochen – wirkte alles friedlich, ruhig, harmlos. Das Meer war gute zehn Meter entfernt und schäumte vor sich hin. Eine Unwetterwarnung für die kommenden Nächte gab es nicht.
Die erste Nacht brachte Regen. Der darauffolgende Tag ebenfalls.
Beim Gassigehen entdeckten wir etwa einen Kilometer weiter eine kleine Ansammlung von Wohnmobilen bei einem Sportplatz -vermutlich die klügere Platzwahl. Trotzdem entschieden wir uns zu bleiben. Wir wollten das Mobil nicht unnötig bewegen; sollte der Zahnriemen spontan beschließen, seinen Dienst zu quittieren, würde der Motor ihm augenblicklich folgen. Wir blieben, und später gesellte sich noch ein spanisches Wohnmobil zu uns.
Mitten in der darauffolgenden Nacht wurden die Hunde unruhig, grummelten und bellten leise. Durch das offene Fenster zog ein beißender Geruch. Keine hundert Meter von uns entfernt waberte eine schwarze Rauchwolke über einem riesigen, grellen Feuer. Wir erinnerten uns an das Gespann, das ein paar Stunden zuvor an uns vorbeigefahren war. „Sicherlich verbrennt da jemand seinen Müll“, waren wir uns einig, schlossen die Fenster und schließlich auch die Augen. Es kehrte wieder Ruhe ein.
Der Samstag begrüßte uns mit strahlendem Sonnenschein. Der verkohlte Aschehaufen, der einst ein Stapel Reifen gewesen zu sein schien, war das einzige Zeugnis der nächtlichen Aufregung. So nutzten wir das gute Wetter für kleine Touren zu Fuß und mit dem Rad, mit und ohne Hunde. Alles wirkte wieder friedlich, beinahe idyllisch.
Der Tag klang entspannt aus. Wir machten Witze, ob wieder jemand auf die Idee kommen würde, ein nächtliches Lagerfeuer in unserer Nähe zu entzünden, gingen dennoch mit einem guten Gefühl schlafen.
Regen gab es in der Nacht keinen. Nur das Rauschen wurde immer lauter. So laut, dass wir im Halbschlaf dachten, das Meer müsse inzwischen direkt neben uns liegen. Wir schlossen wieder einmal die Fenster und dann die Augen.
Am Morgen öffneten wir nahezu alles gleichzeitig: Augen, Fenster und Münder. Die Distanz von gestern existierte nicht mehr. Weiß schäumende Wellen umspülten immer wieder unsere Räder, trugen Unmengen Sand auf die Straße und schleuderten Bambus, Äste und anderes Treibgut gegen unser Wohnmobil. Während wir versuchten zu frühstücken – wegfahren war momentan ohnehin nicht möglich – schlug ein größerer Ast mit dumpfem Geräusch gegen die Front.
Am Meer stehen war gestern. Heute steht man im Meer.
Über den zeitlosen Klopf-Klopf-Witz vom Grünzeug konnten wir zwar lachen, aber eine Wiederholung wollten wir dennoch vermeiden. Mit Handschuhen, hochgekrempelten Hosen und barfuß begannen wir daher, unseren „Vorgarten“ zu säubern. Wir zogen, rollten und schleppten Äste, Bambus und Wurzeln zur Seite, bis am Ende nur noch die Gischt der Wellen an unser Haus schlagen konnte.
Gleichzeitig tauchten immer mehr Einheimische mit ihren Autos auf, um sich das Ausmaß des immer noch tobenden Meeres anzusehen. Manche drehten frühzeitig um, weil auch die Zubringerstraße überflutet war. Andere wagten die Durchfahrt und einige blieben im aufgeweichten Sand stecken. Mehrfach wurde geschoben, gebuddelt, gezogen.
Der Wasserstand auf der Straße stieg weiter. Angespülter Bambus verstopfte die Abflüsse zu den Straßengräben und damit den Ablauf in das angrenzende Sumpfgebiet. Also rissen wir Öffnungen in den unerlaubten Bambuszaun und schufen zusätzliche Rinnen, damit das Wasser wieder abfließen konnte. Barfuß in der Sonne, schwitzend und lachend, fragten wir uns, ob unsere Samstagsbeschäftigung eher unter Gartenpflege oder unter Tiefbau fiel.
Langsam sank der Pegel auf der Straße und gleichzeitig stieg unsere Hoffnung, heute noch herauszukommen. Auch das Meer drückte nur noch gelegentlich neues Wasser nach.
Dann fuhr sich ein 4×4-Transporter fest. Trotz Allradantrieb versank er im nassen Untergrund. Wieder wurde gemeinsam geschoben und gebuddelt, nach beinahe einer Stunde kam ein anderes Auto zur Hilfe. Wir freuten uns – für ihn. Wir saßen immer noch fest.
Gegen 16 Uhr standen wir vor einer Entscheidung. Die Straße war nicht mehr vollständig überflutet, der Untergrund „nur noch“ matschig – vielleicht noch zu matschig. Für die kommenden Tage waren weitere Gewitter angekündigt, wie viel Regen es geben würde, war unklar. Übermorgen früh mussten wir hier raus sein und in die Werkstatt. Sollten wir es jetzt riskieren oder lieber morgen?
Das spanische Pärchen hatte offenbar denselben Gedanken. Gemeinsam prüften wir den Untergrund, suchten die tragfähigste Spur und ließen etwas Luft aus den Reifen, um die Aufstandsfläche zu vergrößern.
Wir nahmen so viel Schwung, wie die Umgebung hergab, hörten das Knirschen des nachgebenden Sandes, spürten das leichte Rutschen unter den Reifen. Dann standen wir wieder auf festem Boden.
Ein Lachen, ein tiefes Durchatmen, ein kleines Abenteuer mehr in unserem Reisetagebuch. Die kommende Nacht würden wir möglichst weit weg vom Meer verbringen.











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